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dr. raimund dietz | trainer coach economist

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Trieb und Nehmen - Kultur und Geben
Die Triebtheorie begreift den Menschen als Wesen, das durch körperliche Impulse gesteuert ist. Die Triebimpulse bauen Spannung auf und können durch passende Zufuhr (Nahrung, Berührung etc) wieder abgebaut werden. Die Triebtheorie sieht im Menschen ein „nehmendes“ Wesen. Verzichtet oder verschiebt der Mensch das Nehmen auf später, leistet er Triebverzicht, mit der Folge einer möglichen psychischen Schädigung.

Nach dieser Auffassung ist Wirtschaft durch Triebunterdrückung erkauft. Tatsächlich muß ja der wirtschaftende Mensch zuerst lernen, studieren, arbeiten, sich einem Partner in angemessener Weise nähern...., erst dann kann er die Früchte aus seinen Vorleistungen ernten.

Die Triebtheorie charakterisiert aber nur eine Seite des Menschen, die nehmende. Im bloßen Nehmen ist der Mensch wie ein Tier. Aber als Mensch ist er mehr. Er unterscheidet sich vom Tier durch seine Fähigkeit, zu geben.

Sie kennen vielleicht die Geschichte, wie man einen Affen, das dem Menschen nächststehende Tierwesen, fangen kann. Das Experiment geht so: Man läßt einen Affen durch ein schmales Loch in eine Box nach einer Banane greifen. Hat er sie gefaßt, kann er die Hand nicht zurückziehen, weil seine Faust zu groß ist, um sie aus dem Loch zu ziehen. Selbst wenn dem Affen Gefahr droht, er läßt die Banane nicht los. – Der Mensch kann loslassen. Das macht ihn fähig zu geben, und umgekehrt, die Fähigkeit zu geben, macht ihn zum Menschen.

Natürlich gibt der Mensch vorwiegend in der berechnenden Erwartung, etwas auch zu erhalten. Der Austausch ist ein Geben und Nehmen. Um zu nehmen, muß man aber geben können, und dazu muß man loslassen können. Geben ist eine Leistung, die nur der Mensch – bewußt - erbringen kann. Geben erzeugt Geben (das Geben des einen, und das Geben des anderen).

Geben beruht zwar auf unmittelbarem Triebverzicht. Dieser lohnt sich aber unendlich.

Erstens. Die Fähigkeit gebend loslassen zu können befähigt den Menschen Umwege zu gehen und indirekt an seine Ziele zu kommen. „Der Mesch ist das indirekte Wesen“, sagt Simmel. Die Sprache, Werkzeuge, Maschinen, Pipelines, usw. sind solche Umwege. Ihr Ertrag ist immens.

Zweitens. Das Geben erzeugt den sozialen Kontext und macht friedlich. Wenn A nicht alles für sich haben muß und an B abgibt, verpflichtet er B. So entstehen soziale Kontexte. Im Austausch (gegen Geld) erhalten sie eine bereits sehr entwickelte Form, durch die Mangel überwunden werden kann. Friedliches Geben und Nehmen erzeugt friedliches Geben und Nehmen. In jedem Austauschakt entsteht sozusagen „Sozialkapital“, das dann „von außen“ noch kollektiv (durch Politik) gestaltet werden kann. Triebverzicht lohnt sich also doppelt und kann nicht wirklich das Problem sein.

Kultur ist also nicht der Feind des Triebes, sondern der Freund von Triebbefriedigung, allerdings einer zivilisierten Triebbefriedigung. Zivilisiert sein wird allerdings leicht gemacht, zivilisiert sein lohnt sich. Hat sich der Mensch einmal auf ein zivilisierten Niveau hinaufgearbeitet, ist Triebverzicht leicht und wird sogar zum Genuß. Der Mensch hat Freude mit dem Geben (Leisten) – das Nehmen wird zur selbstverständlichen Folge. Was knapp bleibt, ist die Zeit, die er einteilen muß, um seine Fähigkeiten so einzusetzen, daß er die (nicht nur für ihn) angenehmsten Wirkungen hervorruft (die im Übrigen dann eintreten, wenn die Zeit sozusagen stillsteht). --- Das ist das Privileg des Menschen, seine „natürliche“ Stellung im „Kosmos“! Ein Privileg übrigens, das nicht nur nicht auf Kosten, sondern zugunsten anderer erreichbar ist. Der Mensch ist sozusagen priviligert im Vergleich zum Tier, weil er einen gesellschaftlich interzellularen Mechanismus – den Tausch – entwickelt hat, in welchem er vorwärtskommen kann, indem er andere fördert. Die Frage, die an anderer Stelle zu erörtern ist, ist die, ob er sich durch diesen sehr effektiven Modus nicht auch als Gattung umbringt. Daher ist die Tragik der modernen Wirtschaftskultur für die Psyche doch eher die: Wir wissen doch kaum noch, welche Bedürfnisse er entfalten muß, um die entfesselte Wirtschaft – den angeblichen Triebunterdrückungsmechanismus – in Gang zu halten.

Freilich gibt es kulturelle Entwicklungen, die den Menschen ganz unsinnige Triebverzichte auferlegen. So z.B. die sexuelle Prüderie der zweiten Hälfte des 19.ten Jahrhunderts, die vor allem junge Damen aus großbürglichen Häusern traf. Die jungen Damen hatten alles reichlich: Nahrung, gute Kleidung, eine luxuriöse Ausstattung der Wohnung, Bildung, den Genuß der schönen Künste, Reisen - nur nicht ausreichend sinnlich-erotisch-sexuelle Berührung, die doch jeder Mensch braucht. Offenbar stand der ihnen gesellschaftliche auferlegte Triebverzicht in so krassem Gegensatz zum sonstigen Luxus, daß ihre jungen, übrigens romantisierten Seelen rebellierten. Junge Chinesinnen oder Araberinnen werden heute noch mindestens so prüde „gehalten“ wie ihre europäischen Altersgenossinen damals. Trotzdem scheinen diese nicht an den Psychosen zu leiden, die Freud um die vorige Jahrhundertwende zu behandeln hatte. Tatsächlich verschwanden auch die entsprechenden psychischen Krankheitsbilder, als jene kulturellen Schranken fielen.

Im Allgemeinen gilt die menschliche Erfahrung: Der Mensch lebt vom Nehmen, aber er ist glücklich im Geben.

Das Spiel des Gebens und Nehmens kann auf kleiner wie auch großer Stufe gespielt werden. Menschen mit einem schwachen Selbstbewußtsein nehmen oft nicht, weil sie sich ein Geben nicht zutrauen. Und indem sie nicht nehmen, behindern sie das Geben anderer. Andere wiederum neigen dazu, ständig mehr zu nehmen als zu geben. Man nennt das Saugen. (Das gibt es auch auf kollektiver Ebene: die US-Amerikaner konsumieren seit fast 30 Jahren mehr als sie konsumieren – und sind dabei, das Weltfinanzsystem zu ruinieren. Die zum zwänglichen Charakter neigenden Deutschen, Japaner und Schweizer (in aufsteigender Reihenfolge) erzielen hingegen systematisch Leistungsbilanzüberschüsse, durch die sie die USA finanzieren, und auf ihre Weise auch das Finanzsystem ruinieren). Dann gibt es wiederum solche, die mehr geben als ihnen guttut, weil sie nicht gelernt haben, sich abzugrenzen (Sozialarbeitersyndrom). Eine vierte Gruppe von Menschen blockiert den Prozeß, weil sie an geld- und lebensfeindlichen Konzepten festhalten und darauf noch stolz sind. Das sind alles Ungleichgewichte, die das Fließgleichgewicht des Austausches behindern oder irritieren und Störungen verschiedenster Art hervorrufen.

Beim Geben und Nehmen kommt es natürlich nicht nur auf den Umfang, sondern auch auf die Qualität der ausgetauschten Leistungen an. Viel zu viel Menschen wissen gar nicht, was sie wirklich brauchen. Sie nehmen nicht das, was sie wirklich brauchen, und erhalten weniger an Nutzen (kompensatorischer Konsum) Auch das ist eine Störung, die zwar der Wirtschaft nützt, aber der Psyche und der natürlichen Umwelt schadet.

Autor: Dr. Raimund Dietz | Datum: 20.03.2007 13:14 Uhr